Pilgern im Tiergarten

Schweigend durch den Tiergarten – Ein heißer Sommertag in Berlin. Das Thermometer zeigt den ganzen Tag über 30 Grad und ist nur wenig ­gesunken, als sich die Pilgerwilligen an diesem Freitagabend vor der St. Jacobi-Kirche mitten in Berlin-Kreuzberg sammeln.

Ein wenig Schatten spendet der mit Bäumen versäumte Vorhof der Kirche, in dem eine große Statue des Apostel Jakobus steht. Der biblische Pilgervater, zu dessen vermutetem Grab im spanischen Santiago de Compostela sich seit Jahrhunderten viele ­Pilger*innen aufmachen, ist Namensgeber der hiesigen Kirchengemeinde. Jetzt entsteht hier ein ­Pilgerzentrum mitten in Berlin. 

Von hier aus geht es zur ersten öffentliche Stadt-Pilgerwanderung in den Tiergarten. Unter dem Motto »Schweigend durch den Großen Tiergarten« soll sie künftig regel­mäßig jeweils am dritten Freitag eines ­Monats stattfinden. Kostenlos und ohne Anmeldung. »Diese zweieinhalb Stunden sind eine gute Möglichkeit, aus der üblichen Hektik des Tages heraus- und herunterzukommen«, sagt Pilgerbegleiter Thomas Knoll. 

Was die Augen so alles wahrnehmen  

Die erste Frage nach der Begrüßung gilt den Wasservorräten für den Weg, denn auf sieben Kilometern soll die Tour erst bis zum Potsdamer Platz und dann durch den Großen Tier­garten gehen. Die ersten Kilometer an der Straße entlang sind zügig zurückgelegt. An den Birken vor dem Innenhof des Sony Centers bleibt Thomas Knoll stehen und die Gruppe sammelt sich. Nach einer Atemübung, dem Innehalten im Gebet und einem kurzen Impuls ist für die nächste Stunde Schweigen angesagt. Die Sinne sollen sich dabei auf die Wahrnehmung der Augen konzentrieren. 

Dann geht es über die große Kreuzung hinein in den Tiergarten. Das erste Wegstück ist belebt und laut. Doch die eigene Stille schirmt die Gruppe förmlich ab. Es ist ungewohnt, in der Gruppe zu schweigen – gerade nach den angeregten Gesprächen zu Beginn der Wanderung – doch es entlastet auch. Ich muss mich nur auf das konzentrieren, was mich umgibt und was ich dabei empfinde. 

Ab und zu bleibt Thomas Knoll stehen und weist mit Blicken oder einem Nicken auf besonders eindrucksvolle Blickachsen hin. Einige Bäume begrüßt er im Vorbeigehen wie alte Freunde. Mit Bäumen kennt er sich aus, denn er ist selbstständiger Baum- und ­Bodengutachter. Sein theologisches Fernstudium absolvierte er nebenher und machte 2019 in Bayern die Ausbildung zum Qualifizierten Pilgerbegleiter. Inzwischen gibt er sein Wissen an andere weiter, etwa bei der vom Amt für Kirchliche Dienste (AKD) angebotenen Pilger­begleiter*innen-Ausbildung ... (Von Susanne Atzenroth)

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Pilgerzentrum St. Jakob Berlin
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